07 Mai 2014

Einmal im Jahr - Von der Stadt der Biere zur Stadt der Biker


Es ist April. Die Motorradsaison ist seit einiger Zeit wieder eröffnet. Pünktlich ab dem 1. April haben die Biker ihre „Mopeds“ startklar gemacht. Es kribbelt in ihren Fingern. Eine Faszination übt dieses Gefährt aus, auf Jedermann. Das Spielen mit der Geschwindigkeit, die Freiheit auf dem Motorrad, die Maschinen. All das lässt die Motorradgemeinschaft von Jahr zu Jahr wachsen. Das drückt sich auch in einem sehr speziellen Event aus: Der alljährigen Motorradsternfahrt im oberfränkischen Kulmbach.


Blick auf das Sudhaus der Brauerei
Kulmbach. Eigentlich ist die Stadt für ihre Biere bekannt. Biertradition wird hier ganz ganz groß geschrieben. Die Kulmbacher Brauerei mit ihren verschiedenen Biersorten bestimmt das Wesen der Stadt, dazu noch die bekannte Bierwoche Ende Juli als Highlight. Nicht für umsonst bezeichnet sich Kulmbach, mit seiner über der 26000 Einwohner starken Stadt thronenden Plassenburg, als „Die heimliche Hauptstadt der Biere“. Einmal im Jahr ist das aber nebensächlich. Nämlich dann, wenn die Stadt aus allen Nähten platzt. Die Biker erstürmen mit ihrem Geknatter der Auspuffrohre das Feld. Dann verwandelt sie sich in “Die heimliche Hauptstadt der Biker“. Zehntausend Motorradfahrer aus ganz Europa kommen dann hierher. 2 Tage Biker-Halligalli. Ein wirkliches Spektakel.

Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit – mit Spektakel

Schon zum 14. Mal wird diese Sternfahrt ausgetragen, organisiert von der oberfränkischen Polizei und dem Bayerischen Innenministerium. Deswegen setzt auch die Veranstaltung voll und ganz ihren Fokus auf das Thema Fahrsicherheit im Straßenverkehr. Dazu sind viele Attraktionen und Messestände aufgebaut. So fand zweimal am Tag vor dem Sudhaus der Kulmbacher Brauerei der sogenannte “VIP-Stunt“ statt. Ein professioneller Stuntman fuhr dabei mit seiner Suzuki auf eine seitlich stehende alte Schüssel, sprich Auto, auch das war ein Suzuki und provozierte einen Aufprall, bei einer Geschwindigkeit von 50km/h. Er landete weich und unverletzt in den dahinter aufgestapelten Kartonagen. Schon bei dieser Geschwindigkeit sah das sehr spektakulär aus. Das Ziel zur Sensibilisierung erzeugt da ihre Wirkung, sowohl bei Motorrad-, als auch bei Autofahrer. Auch die beiden führenden Prüf- und Überwachungsgesellschaften im Straßenbereich waren mit ihren Ständen und ihrem Know How vertreten. Beim TÜV-Messestand war ein Smart umgebockt, quasi auf dem Dach gehoben. Man konnte hineinkrabbeln, musste sich anschnallen und das Fahrzeug wurde mittels einer Verbindung über eine Computersteuerung durchgerüttelt und geschüttelt. Sollte wahrscheinlich zeigen, welche Kräfte da wirken. Die DEKRA sorgte für einen weiteren Crash-Test. Dabei fuhr ein Motorrad, “gelenkt“ von einem Dummy als Fahrer, mit einer Geschwindigkeit von etwa 30-40 km/h, geführt durch ein Stahlseil, auf das Heck eines Renault Clios. Auch dieses Schauspiel verfehlte seine Wirkung nicht. Der Dummy flog und flog und flog. Wiederholt beeindruckend, welche Kräfte wirken, lässt den Respekt nur noch mehr wachsen. Stehe nämlich auch kurz davor, meinen Führerschein zu machen, die Theorie habe ich erfolgreich bestanden, jetzt gehts an das Praktische. Die oberfränkische Polizei, die Bayerische Straßenverwaltung und zu guter Letzt der ADAC komplettierten die Messestände bezüglich des Themas Sicherheit im Straßenverkehr. Bei dem zurecht arg gebeutelten ADAC war es durchaus lustig. Man konnte sich auf ein Motorrad setzen, welches links und rechts auf  “Stützräder“ nur dann gehalten wurde, wenn man das eigene Körpergewicht jeweils auf eine Seite verlagert. Praktisch so, wie wenn man in einer Kurve liegt. Dabei wird man durch zwei witzige Mitarbeiter mit stattlicher Größe von der einen zur anderen Seite geschoben. Lustige Sache das Ganze. Die Blue Knights aus Belgien, eine Motorradclique, hatten merklich ihren Spaß. Mit ihrem Französisch unterhielten sie nicht nur sich selbst,  sondern die gesamten Besucher am Messestand.  Breites Lächeln in den Gesichtern.

Alles präsentiert  sich

Sonst stand natürlich alles im Zeichen der Maschinen. Alle weltweit gefragtesten Hersteller hatten ihre Topmodelle präsentiert.  Egal, ob BMW, Kawasaki, Suzuki, Ducati oder die wilden Triumph. Das Bikerherz machte Luftsprünge. Geiles Gefühl auf einer Kawasaki Ninja, auf einer Yamaha R1 zu sitzen oder die BMW unter dem Allerwertesten zu haben.  Zubehör  gab es natürlich auch zu erstehen. Helme in verschiedenen Designs, Lederkombis, Halstücher, Stiefel oder Handschuhe, Schmuck. Allmöglichen Schnick-Schnack. Und die Menschen interessiert sich natürlich in Scharen, teilweise musste man sich durchdrängeln. Das geht zu Lasten der Geduld, bei mir jedenfalls.  An die Kleinen wird auch gedacht. Kinderschminken, Hüpfburgen, Dreiradfahren oder Bimmelbahn standen bereit, um von den Kids erobert zu werden.

Show der Biker von klein bis groß

Das große Highlight ist natürlich der Sonntag. Nach dem frühmorgendlichen Motorradgottesdienst findet die immer allgegenwärtige Sternfahrt statt, die Punkt 12 Uhr startet. Zehntausende Motorradfahrer aus Nah und Fern, aus In- und Ausland fahren im Korso durch die Innenstadt. Selbstredend, dass sie ihre Muskeln ordentlich spielen lassen. Lautes Hupen, das Spielen mit dem Gashebel oder die knallartigen Fehlzündungen sind an der Tagesordnung. Dicht an dicht wird da gefahren, oftmals mit überhöhter Geschwindigkeit und Unkonzentriertheit durch Ablenkung. Wundern braucht man sich da nicht, wenn Unfälle passieren. Einen haben wir live miterlebt. Nichts Schlimmes, keine Verletzten, das ist das Wichtigste. Nur der Seitenspiegel wude abgfahren und der Tank hat irgenwie ein Lenk davon getragen. Die Lache auf der Straße war unübersehbar. Der THW eilte herbei.
Klar, dass man hier eine wahnsinnige Vielzahl an Maschinen sieht, jeder Kategorie, jeder Marke.  Supersportlich, Chopper und Cruiser-Typus oder Naked Bike. Sogar stinknormale Roller  sind mitgefahren. Die finde ich dort absolut fehl am Platz. Verdienen zwar ihre Berechtigung an der Teilnahme auf dem Papier, passen aber mit ihrer Motorisierung und ihrer “Erscheinung“ nicht ins Bild. Von den mitfahrenden Quads ganz zu schweigen, bodenlos, mehr fällt mir dazu nicht ein. Abgesehen davon, ist das ein Riesenspektakel. Viele sind mit lustigen Kostümen verkleidet. Pink Panther, Kuschelbär oder Irokesen-Wolle auf dem Helm sind nur wenige Beispiele von dieser Gaudi. Die Politik und die Polizei ist ebenfalls zahlreich beim Korso vertreten. Angeführt wurde er vom bayerischen Innenminister Joachim Herrmann in seiner Motorrad-Kluft, der später auch die Sternfahrt nochmals offiziell eröffnete. Die Männer der grünen Staatsmacht ließen sich selbstredend nicht lumpen. Zahlreiche Staffeln aus öffentlichen Dienst, Feldjäger oder der Bundeswehr sorgten für einen geschlossenen Auftritt. Hinzu kamen ihre  Kollegen der  befreundeten EU-Länder wie Italien, Österreich, Tschechien, Frankreich oder der Niederlande. Auffällig: Die Maschinen der Deutschen natürlich blitzeblank, neuwertig und makellos. Die  der Ausländischen mit Kratzer, etwas ausgeblichen, gebraucht eben.  Mit großem Sirenengeheul ging es für sie durch die Straßen Kulmbachs. 

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Viele Zuschauer säumten die vorgegebene Rundstrecke. Einige brachten sich sogar ihre Campingstühle oder Hocker mit. Sie strömten nach der etwa einstündigen und endlosen  Prozedur zum Brauereigelände, dem bereits beschriebenen Festareal.  Langsam beschleicht einen der Hunger, die Masse an Frühstück gab es am Morgen nicht, im Gegenteil. Wie auf jedem Volksfest gab es hier die gesamte Palette der Fresskultur. Von de Pizza und dem Langos, über Fischspezialitäten  bis zu den einheimischen Grillspezialtäten war alles, mehr als genügend,  im Angebot.  Anstehen muss man überall. An einer der Bratwurstbuden stelle ich mich an. Kulmbacher Bratwürste gönne ich mir, serviert in einem Kümmelbrötchen. Leckere Angelegenheit, dementsprechend sind sie schnell verputzt. Hinsetzten kann man sich nirgends, alle aufgestellten Bänke sind besetzt. Darum lassen wir uns auf der Wiese nieder, machen es anderen nach. Kurz vorher noch ein süffiges Radler gekauft. Logisch von der Biermarke Kulmbacher. Nebenbei hört man Nullinger‘s Geplappere von der Antenne-Bayern-Bühne, die auch hauptverantwortlich durch das bunte Programm mit ihren Moderatoren führen. Wie die jetzt genau heißen, keine Ahnung, man muss ja nicht alle kennen. Nur den Nullinger kenne ich aus dem Radio. Das läuft den ganzen Tag auf Arbeit.


Zwischendurch dann immer wieder die bereits erwähnten Programmhighlights. Eins habe ich noch nicht erzählt: der Speed Globe.  Das  kennen die meisten bestimmt schon aus diversen Actionshows aus dem Fernsehen. Live hat das nochmal einen anderen Charakter. In diesem  runden Stahlkäfig mit einem Durchmesser von geschätzten 3 Metern fahren sich erst 2 Verrückte mit ihren Enduros um die Ohren, danach dann die Steigerung mit drei Akteuren. Wahnsinn, wie eng sie aneinander vorbeifahren, wie knapp das ist. Ein Fehler und es kann böse Folgen haben.  Aber Faszination für die Zuschauer, die mit offenen Mündern staunend das Geschehen verfolgen.  Immer wieder ziehen dunkle Wolken am Horizont auf. Der boeige Wind bedeutet wettertechnisch meist nichts Gutes. Es tröpfelt  ab und an. Doch richtig regnen mag es nicht. Zum Glück. Trotzdem vertreibt es einige Besucher frühzeitig. Uns nicht und werden dafür belohnt.

Die Sternfahrt, eine traditionsreiche Veranstaltung, die zehntausende Motorradfreaks und Zuschauer anzieht . In dem bunten und abwechslungsreichen Programm ist für jeden etwas geboten, viel Show und Spektakel mit großer Vielfältigkeit. Ein Volksfest. Der Staat nimmt seinen Einfluss, will mit allen Mitteln das Thema Sicherheit in die Köpfe  förmlich einprügeln. Dadurch entsteht ein Eindruck von  Kommerz, schreckt natürlich auch ab. Hells Angels, Bandidos oder andere Biker aus der milieuhaften Rockerszene wird man selten sehen, bis überhaupt nicht. Großartige Veranstaltung, bei der die Fahrer ihre Muskeln spielen lassen und zeigen, was man hat. Kulmbach präsentiert sich dabei von seiner besten Seite, sie hat nicht nur die Sternfahrt zu bieten. Altstadt, die Museen und die Plassenburg lassen keine Reize vermissen.  „Die heimliche Hauptstadt der Biere“ und  „Die heimliche Hauptstadt der Biker“ warten darauf entdeckt zu werden. Die Sternfahrt bietet dazu einen idealen Anlass.

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